Kōbe Luminarie

In Erinnerung an die Opfer des großen Erdbeben von 1995 findet jedes Jahr im Dezember ein Lichterfest in Kōbe statt. Innerhalb von 12 Tagen kommen drei bis fünf Millionen Besucher. Woher man das so genau weiß? Lass es dir erzählen.

In der ersten Dezemberhälfte ist abends in Kōbe-Sannomiya mächtig viel los. An den Ampeln stehen Helfer, um den Füßgängerstrom zu lenken, andere laufen mit Hinweisschildern und Megaphonen. Ich kann nichts verstehen. Zum Glück ist Hanna dabei und wir folgen den Pfeilen auf den Schildern. Das Lichterfest ist an dem Gedenkpark, doch wir werden immer weiter weg von dort geleitet.

Nach einigem Zickzack stehen wir in einer Straße mit Absperrgittern rechts und links des Fußwegs. An einem Infopunkt lese ich etwas von 30 Minuten. Was das auch immer bedeuten mag. Wir also rein in diesen Pferch. Die entstehende Schlange kommt nach kurzer Zeit zum Stoppen. Alle warten entspannt und ruhig. Vorne wird ein Schild hochgehalten, es wandert von rechts nach links und wir bewegen und weiter.
An der Stelle des Wanderschildes sehe ich ein Dutzend Helfer. Sie sperren den Zuschauerstrom regelmäßig, damit die normalen Einkaufsgänger die Absperrungen queren können. Ich ahne schon, der ganze Stadtteil ist gesperrt.

So schlendern wir seelenruhig durch das abendliche Kōbe, vorbei an Kaufhäusern und Geschäften, Kirchen und Lokalen. Immer wieder unterbrochen von Stopps an Querungen. Keiner drängelt, keiner schiebt, wir strömen einfach mit.

Eine Kirche mitten in der Stadt
Zuerst dachte ich, nun gehts los. So war es aber nicht.

Nach einiger Zeit schaue ich mal auf den digitalen Stadtplan und sehe, dass wir uns dem Park nicht nähern sondern entfernen. Ich schwinge in die Stimmung mit ein und lasse alles auf mich wirken.

Durch die immer wieder querenden Fußgänger habe ich das Gefühl, Bestandteil einer riesigen Inszenierung zu sein. Und wo kommen nur all diese unzähligen Helfer her? In dieser ruhigen Stimmung biegen wir nach fast 40 Minuten in eine Straße und sehen die hergerichtete Einkaufsstraße.

Doch es braucht noch einen weiteren Stopp bis wir endlich unter das Lichtermeer tauchen. Hier eine Ton-Kostprobe von der Atmosphäre unter den Lichtern.

In großen, filigranen Formen aus Holzlatten sind Lichterketten wie eingewoben. Die ganzen Konstruktionen sind mit unzähligen dünnen Drahtseilen abgespannt. Alles wirkt unendlich leicht, nur die Lichterkompositionen fallen ins Auge.



War die Schleichstrecke bis zur Ladenstraße 1300 Meter, so vergeht der Spaziergang unter der Lichtinstallation viel zu schnell. Nach 300 Metern hört das Licht abrupt auf.

.
.
.
.
.


Der Menschenstrom taucht in das Dunkel der Nacht, um sich dann zu teilen. Ich erkenne schemenhaft den Gedenkpark. Wir gehen nach rechts weiter. Wie eine Weihnachtsüberraschung folgt aus dem Nichts ein neues Lichtermeer.

Der Park selber ist auch noch mal hergerichtet.

.
.
.
.
.

Unzählige Menschen stehen um und in dem kathedralenartigen Kunstwerk, um die Lichterflut in Fotos zu verewigen.

Uns wird es nun doch zu eng und bewegen uns weiter in Richtung Hafen. Ganz am Parkende ist eine Bühne aufgebaut und im Kreis Stände mit Getränken und Essen.


Hier ist es etwas leerer und die Schlangen an den Ständen sind übersichtlich. Nach einer kurzen Sichtung entscheiden wir uns für frittierte Käsestäbchen. Auf dem Weg zu Kasse ordert Hanna noch zwei Becher Glühwein. Ich bin ein weiteres mal überrascht, was hier so alles angeboten wird.

Wir finden sogar noch einen leeren Stehtisch, Hannas Freundinnen wollen noch zu uns stoßen. Der Tisch ist sauber, als hätte ihn gerade jemand abgeräumt. Wie geht das?


Auf der Bühne versucht eine Sängerin mit jazzigen Weihnachtsliedern die Gäste etwas in Bewegung zu bringen. Trotz ihrer gut gelungenen Interpretationen schwingen nur vereinzelt Menschen die Hüften.

Die Band verabschiedet sich und kurz danach gehen die Lichter aus. Es wird still im Park. War es das schon? Leise, sehr leise sucht sich eine andere Musik den Raum, bis in einen Trommelwirbel und zu den folgenden Klängen bauen sich Ornamente auf, gebildet durch Lichterketten. Einige Minuten folgt eine Komposition aus Klang und Licht. Wir genießen diese Choreographie.


Am Ende gibt es sogar Applaus von den Zuschauern, man ist jedoch immer noch sehr schüchtern.

Da die Freundinnen auf sich warten lassen, hole ich noch etwas Glühwein. Wir wollen kreisen.

Jede halbe Stunde geht das Licht aus und eine andere Show läuft ab.

Irgendwann kommen die Freundinnen, neuer Glühwein und noch etwas zu Essen. Die Band spielt zwischendurch und wir genießen den schon fast lauen Dezemberabend hier in Kōbe.

Um 21:00 ist mit der letzten Lichtershow Schluss. Wir räumen unseren Tisch leer, hier gibt es Abfallkörbe, leere Abfallkörbe. Ganz ruhig und nachdenklich verlassen die Zuschauer, und wir mit ihnen, den Park. Zurückschauend stelle ich fest, dass kein Müll auf dem Platz liegt. Alle haben ihren Abfall dort entsorgt, wo er hingehört. Unterwegs sehe ich auf dem Boden nur eine leere Pommestüte, vielleicht ein verlorenes Souvenir?

Und dann ist da wieder eine von diesen noch unerforschten Figuren.



An der großen Kreuzung vor dem Bahnhof Sannomiya staut es sich, doch keiner drängelt. Scheinbar verstehen alle, es braucht eben Zeit, bis sich diese Veranstaltung auflöst.

Es ist mein Abschiedsabend. Ein schöner Abend. Danke

Zur offiziellen Internetseite hier und etwas zu den Veranstaltern

← Vorheriger Beitrag

Nächster Beitrag →

1 Kommentar

  1. Das sind traumhafte Bilder! Und du und Hanna mitten drin. Ihr seht beide so entspannt aus, und die Musik ist so schön… danke fürs teilen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Ich bin ein Mensch 9 × = 9