Bis zum „Ende der Welt“

In meiner letzten Woche in Japan werde ich meine Bahnfahrkarte nochmal so richtig auskosten.
Es geht von Kōbe nach Kagoshima. Das liegt ganz im Südwesten der großen Inseln. Bis dorthin fährt auch der Shinkansen.

Morgens um 8:17 steige ich in der Station Shin-Kōbe ein. Die Station liegt hoch am Hang. Von der Straße her erleichtern viele Rolltreppen den Aufstieg.

Der eigentliche Bahnhof ist von außen gar nicht zu sehen. Von den Bahnsteigen führen die Gleise in beide Richtungen gleich in Tunnels. Diesmal habe ich den Zug einer anderen Gesellschaft mit 8 Wagen.

Innen finde ich 2 Doppelreihen Sitze. Der Boden glänzt erschreckend, die Sitze sind schon etwas älter aber bequem.

Die fast 800km wird der Zug mit 10 Zwischenstopps in 3 Stunden 47 Minuten zurücklegen. Das ich keinen Fensterplatz bekommen habe relativiert sich, unzählige Tunnels und öfters auch Schallschutzwände ermöglichen kaum einen Blick. Oder der nächste Berg schaut zum Fenster rein. Nicht nur der Fahrgast an meinem Fenster steigt nach fast 3 Stunden aus, der Zug wird deutlich leerer.

Zu sehen gibt es trotzdem kaum was, die Länge der Tunnels erhöht sich so sehr, dass ich manchmal keinen Handyempfang habe. Fällt auch nur auf, da ein neuer Beitrag in Arbeit ist. Vielleicht liegt es auch daran, dass es hier unten nicht so dicht besiedelt ist. Ansonsten funktioniert das Netz während der Fahrt mit dem Shinkansen tadellos. Telefonieren im Zug ist unerwünscht. In Japan sind alle Wagen wie Ruheabteile. Es gibt kein lautes Geplärre.

Pünktlich, was sonst, komme ich in Kagoshima an. Die Gleise hören hier einfach auf. Keine Wartungshalle, nur der Bahnhof. Nachdem alle Fahrgäste ausgestiegen sind, flitzen in jeden Wagen Reinigungskräfte. Ich habe den Eindruck auch hier sind viele Rentner dabei. Man durchläuft eine längere Ausbildung für diese Aufgabe. Dadurch ist der Zug nach kurzer Zeit wirklich gereinigt. Zuletzt läuft noch einer durch den Wagen und dreht synchron die Doppelsitze auf jeder Seite um.


So, genug Zug geschaut, jetzt gehts raus in die Stadt. Ich bin schon ganz gespannt auf diese südwestlichste Großstadt der Hauptinseln. Ein wenig wie das Ende der mir bekannten Welt. Auf dem Bahnsteig sehe ich noch den Fahrplan für den Shinkansen. Welche große Küstenstadt in Deutschland hat eine Schnellzuanbindung im Halbstundentakt? Japan ist uns hierbei eindeutig voraus.

Draußen am Bahnhof sehe ich das Riesenrad. Alle großen Städte in Japan haben ein Riesenrad.

Das Schwarze links ist der Bahnhof

Eher belustigt staune ich über die kleinen Straßenbahnen, unterschiedliche Bauarten, alle nur ein Wagen. Bei der Straßenbahn steigt man hinten oder in der Mitte ein. Meist gibt es einen Einheitsfahrpreis. Der ist an der Haltestelle schon angeschlagen und wird in der Bahn auch noch mal auf einem Monitor angezeigt. Zum Aussteigen geht man nach vorne. Entweder gibt man sein abgezähltes Kleingeld beim Fahrer in einen großen Schlitz oder zeigt seine Touristenkarte vor oder hält die bekannte Guthabenkarte an ein Lesegerät.

Gut das Hanna mir das schon mal erzählt hatte, denn hier ist fast alles nur auf japanisch. Ganz anders als in den Großstädten in der Landesmitte.

Ich bin nur in Bahnhofsnähe zu Fuß unterwegs. Kagoshima, bzw die vorgelagerten Inseln waren der Ausgang für wichtige Expeditionen. Dazu gibt es viele Denkmäler und sogar ein eigenes Museum.

Eines der relevanten Ereignisse ist der Aufbruch von 19 jungen Männern in Richtung Westen zu einer Zeit, als sich Japan total abgeschottet hatte. Die Ausreise war damals strikt verboten.

Als sie u.a. mit Spinnmaschinen aus England wieder kamen, hatte sich Japan verändert. Wer das alles wissen möchte, bei Wikipedia kann man es nachlesen.
https://de.m.wikipedia.org/wiki/Meiji-Restauration

Doch so viel Zeit bleibt mir gar nicht. Mein heutiges Etappenziel ist Nagasaki. Auf dem Weg zum Bahnhof stolpere ich über bekannte Schriftzeichen.

Auch auf einen großen Fußballverein ist man hier stolz.

Sechs Minuten vor Abfahrt meines Shinkansen verlassen die Reinigungskräfte die Wagen. Kurz darauf öffnen sich die Absperrungen und wir dürfen einsteigen.

Diesmal habe ich einen Fensterplatz. Die Landschaft rauscht an mir vorbei und meine Müdigkeit ist spürbar. Zu wenig pausiert. Eine Stunde Fahrt bis Shin-Tosu. Exakt um 15:00 werde ich ankommen, den Anschluss um 15:19 sollte ich problemlos finden. Mit dem Expresszug bin ich dann um 16:50 in Nagasaki und kann den Sonnenuntergang noch mitnehmen. Shinkansen halten nicht lange. Deshalb schon etwas früher aufstehen und zur Tür gehen. Ich warte mit anderen im Türbereich. Der Zug hält, wir alle raus. Shinkansen fährt ab und ich stehe am falschen Bahnhof. Mist, da hält dieser superschnelle Zug doch tatsächlich um 14:55 an diesem Bahnhof?! Ich hätte erst in fünf Minuten aussteigen sollen. Der nächste Shinkansen kommt zwar bald, doch meinen Anschluss in Shin-Tosu werde ich nicht mehr schaffen.

Was nun? Zum erstenmal wird mir bewusst wie fremd ich in diesem Land bin.

Mein App sagt mir, dass es nur jede Stunde einen Expresszug nach Nagasaki gibt. Blöd, Sonnenuntergang ade.

Der eigentliche Umsteigebahnhof hat abgesehen von dem separaten Shinkansen-Bereich den Charakter eines Kleinstadtbahnhofs in Deutschland. So wie in Deutschland alles nur in deutsch beschriftet ist, so hier alles in japanisch. Auch der Fahrplan. Und nun?

Einem Bahner kann ich das Gleis nach Nagasaki entlocken. Die 4, ok. Doch auf Gleis vier ist es windig, die Sonne wird schwächer und Wolken tauchen auf. 40 Minuten warten ist nicht so schön. Ich befrage meine App und finde einen früheren Zug mit Umstieg in meinen eigentlichen Expresszug. Die Ankunft wird die gleiche sein, doch ich bin früher im Warmen.

Das war eine gute und interessante Lösung. Ich sitze in einem Bummelzug der quer durch eine sehr große Ebene fährt. Seine Endstation wird er auch in Nagasaki finden, doch erst um 19:00. Ich werde also nochmal de Zug wechseln. Im Bummelzug sind Schulkinder und Menschen, die drei, vier Orte weiter wollen. Es ist lebendiger als im Shinkansen.
Dann der Umsteigebahnhof. Das Schlüsselwort ist KAMOME. Das ist so eine Mischung von Regionalexpress und Intercity mit Neigetechnik. Mit meiner Frage „Nagasaki?, KAMONE?“ verschaffe ich mir die Bestätigung auf dem richtigen Bahnsteig zu stehen. Die Spannung steigt, als zu der angegebenen Zeit kein Zug einfährt.

Was nun? Alle anderen Fahrgäste bleiben stehen und ich bekomme die Bestätigung, auch in Japan ist ein Zug mal später dran. Auf der Fahrt sehe ich nichts mehr von der Küste, die Dämmerung ist schon weit fortgeschritten. Doch wir kommen pünktlich an.

In Nagasaki ist es sehr dunkel. So viel Leuchtreklame wie in Kōbe oder Osaka gibt es hier nicht. Nur in der Bahnhofsvorhalle, da leuchtet ein großer Weihnachtsbaum.

Im Internet hatte ich ein günstiges Zimmer gebucht für 43€ die Nacht. Durch meinen Freund in Tokyo weiß ich, dass Hotels in Bahnhofsnähe nicht unbedingt Absteigen sind. Doch auch hier in Nagasaki ist fast nichts in Englisch beschriftet. Jetzt in der Dunkelheit die richtige Straße zu finden, funktioniert am besten digital mit GPS. Das mit der Adresseingabe klappt zum Glück direkt. Wie schon mal erwähnt, es gibt keine Straßennamen und Hausnummern. Meine Herberge hat auch einen englischen Namen, ORION. Nach kurzem Suchen stehe ich vor dem Gebäude.

Beim Betreten des Hotels bin ich erleichtert. Die Empfangsdame spricht sehr gutes Englisch und ansonsten wirkt es wie ein Dreisternehotel in Europa. Im 5. Stock finde ich Zimmer 510.

Neugierig öffne ich die Tür und bin glücklich. Ein großes Zimmer mit einem großen Bett ist heute Nacht mein.

Auch ein Kimono zum Schlafen liegt bereit.

Nach dem Duschen will ich Essen gehen, egal wie teuer, ich habe Hunger.

Fortsetzung im Beitrag ‚Nagasaki‘.

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2 Kommentare

  1. Karl-Heinz Kemner

    Mei Martin super-toll dieser BLOG
    Ich würde gern auch mal JapanischenKäseKuchen probieren

    Weiterhin schöne Erlebnisse !!

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